PIKSL Management

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Vorwort

Das PIKSL Team beteiligt sich mit diesem Beitrag an der Blogparade der Netzwerkes „Lab of Labs“ zum Thema „Soziale Innovation – Innovation im Sozialen: Wie geht das?“.

PIKSL ist eine Organisation, die die Fähigkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung nutzt, um (digitale) Barrieren abzubauen und Komplexität im Alltag zu verringern. Für dieses Vorhaben gründen wir sogenannte PIKSL Labore. In den PIKSL Laboren nutzen wir die Fähigkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung, um Produkte und Dienstleistungen für alle Menschen zu entwickeln. Hierfür schaffen wir Bildungsangebote zum gemeinsamen Lernen und Arbeiten.

Für diesen Beitrag haben wir Kernaussaugen zu Innovationslaboren in Organisationen der Sozialwirtschaft zusammengestellt, die kürzlich in unserem Blog mit Hendrik Epe besprochen wurden. In dem längeren Blogbeitrag erörtert er anhand von neun Thesen, wie soziale Innovation gelingen kann und PIKSL bezieht zu seinen aufgestellten Thesen ebenfalls Stellung. Einige dieser Aussagen und ihre Antworten werden hier aufgegriffen und wiedergegeben, um die Rolle von Innovationslaboren zu verdeutlichen. Sie werden jeweils auch aus Sicht von PIKSL kommentiert, sodass die Lesenden der „Lab of Labs – Blogparade“ sich ein erstes Bild von PIKSL als Innovationsort machen können.

Viele der beschriebenen Aspekte basieren auf der noch unveröffentlichten Master-Thesis „Innovationskompetenz in Organisationen der Sozialwirtschaft. Ansätze zur Überwindung organisationaler Innovationsbarrieren“ (Epe, 2016).
Hendrik Epe ist einer der kreativen Köpfe mit denen PIKSL sich gerne austauscht. Er berät (soziale) Organisationen in Zeiten der Veränderung, damit sie für die Herausforderungen der heutigen Zeit gewappnet sind. Seine Beratungsschwerpunkte liegen im Bereich neuer Formen der Zusammenarbeit (New Work), Innovationsentwicklung und der Digitalisierung sozialer Organisationen. Mehr Informationen finden Sie unter www.ideequadrat.org

Was ist Innovation?

Hendrik Epe:

Nicht nur die Entwicklung und erfolgreiche Positionierung neuer Produkte und Dienstleistungen ist Innovation, sondern auch die erfolgreiche Neugestaltung organisationsinterner Strukturen und Prozesse. Unter Innovation wird somit die Produkt-, die Prozess- und auch die Geschäftsmodell-Innovation verstanden.
Danach lässt sich Innovation als die zielgerichtete Durchsetzung von neuen sozialen Dienstleistungen, wirtschaftlichen, organisationsstrukturellen und -prozessualen sowie sozialen Problemlösungen definieren, die darauf ausgerichtet ist, die Ziele der Organisation auf eine neuartige Weise zu erreichen.
Salopp formuliert ist die lustige Idee unter der Dusche somit noch keine Innovation. Erst die erfolgreiche und zielgerichtete Implementierung lässt die Idee zur Innovation werden.

Warum Innovation in sozialen Organisationen?

Es geht schlicht und ergreifend ums Überleben der sozialen Organisationen!

Hendrik Epe:

Nachdem Innovation als Begriff definiert und somit verdeutlicht wurde, dass nicht jede spontane Idee gleich eine Innovation ist, bleibt die Frage danach, warum sich soziale Organisationen mit der Gestaltung von Innovation befassen müssen. Hier sind übergreifend die sich vollziehenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen hervorzuheben. Megatrends wie Globalisierung, Individualisierung, Feminisierung und allen voran der digitale sowie – für mich mindestens genauso drängend – der klimatische Wandel haben – ohne hier in Tiefe zu gehen – selbstverständlich auch Auswirkungen auf soziale Organisationen. Allein deshalb stellt sich die Frage, wie soziale Organisationen auf die sich gleichzeitig und damit hoch komplexen Veränderungen reagieren können. Hinzu kommen jedoch noch weitere, soziale Organisationen unmittelbar betreffende Veränderungen. Allein der in manchen Berufsfeldern real existierende Fachkräftemangel oder der demografische Wandel mit sich verschiebenden Geschäftsmodellen (von der Jugendhilfe zur Hilfe für ältere Menschen) zeigen dies deutlich.
Eine aktuelle Studie zu den Arbeitsbedingungen von Sozialarbeiter*innen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft zeigt, dass diese neben der schlechten Bezahlung vor allem an organisationsinternen Strukturen und Prozessen und damit nicht an der Arbeit mit der jeweiligen Zielgruppe leiden. Hinzu kommen neue Konkurrent*innen und veränderte Finanzierungslogiken sozialer Arbeit. Hier ließen sich die Diskussionen lange fortsetzen, zusammenfassend wird jedoch deutlich, dass sich soziale Organisationen dringend mit Innovation im Sinne der o.g. Definition befassen müssen. Es geht dabei nicht darum, irgendwelchen Buzzwords hinterherzulaufen („Alle machen Innovation, wir auch!“).

Warum Labs für soziale Innovation?

Labs können die Kommunikationen mit Anspruchsgruppen vereinfachen!

Hendrik Epe:
Organisationen der Sozialwirtschaft müssen die Kommunikationen mit den für sie relevanten Umweltsphären ebenso wie mit ihren internen wie externen Anspruchsgruppen so gestalten, dass irritationsrelevante Informationen für Innovation nutzbar gemacht werden können. Hier lassen sich bspw. über die zielführende und professionelle Nutzung sozialer Medien offene Kommunikationen mit internen und externen Anspruchsgruppen (Stakeholdern) gestalten. Gleichzeitig öffnet sich die Organisation gegenüber relevanten Umwelten.

PIKSL:
Das Filtern der relevanten Informationen aus dem Rauschen aller vorhandenen Möglichkeiten lässt sich am besten steuern, wenn man sich zunächst von den Ideen und vor allem Regeln anderer löst und die eigenen Bedürfnisse und Ansprüche definiert. Zusammen mit den Zielgruppen der Organisationen kann der Sinn einer sozialen Dienstleistung festgelegt werden und anschließend wesentlich passgenauer nach „best pratices“ gesucht werden. Dies gelingt besonders gut, wenn man ungestört und auf Augenhöhe auf neutralem Boden wie einem Labor Kommunikation mit Zielgruppen und dem eigenen Netzwerk ist dabei weitaus sinnvoller, als das Warten auf „erzwungene Innovation“ durch eine Änderung der Gesetzeslage oder der Finanzierungsmöglichkeiten. PIKSL hat das Ziel allen Menschen gleichberechtigt Zugang zur digitalen Welt zu verschaffen und wurde bereits lang vor dem Bundesteilhabegesetz, und dem darin (endlich) festgelegtem Recht auf Zugang zu einem Computer, eröffnet. Hierfür bietet PIKSL mit seinen Laboren den nötigen Raum.

Labs bieten Organisationen der Sozialwirtschaft die Möglichkeit, die Nutzer*innen der Leistungen sowie die Leistungsträger zusammenzubringen.

Hendrik Epe:
Soziale Organisationen müssen die Bedingungen berücksichtigen, in denen die Organisation agiert. Soziale Organisationen müssen beginnen, neben den Kostenträgern zunehmend verstärkt die Nutzer*innen in den Fokus Ihrer Innovationsbemühungen zu stellen. Angesprochen sind damit das Leistungsdreieck der Sozialwirtschaft und die damit einhergehende Komplexität sowie das Organisationsbewusstsein der in den Organisationen agierenden Menschen.

PIKSL:
Die wichtigsten Informationen erhält man von den Personen, die am größten von der Lösung profitieren können. PIKSL wurde deshalb von Anfang an ausgerichtet an den Bedarfen der Nutzer*innen. Bereits vor Öffnung des ersten Labors wurden die Einrichtung sowie die technischen Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung mitgestaltet. Hierdurch war allen Beteiligten von Anfang an sehr klar, welche Anforderungen es an einen modernen und inklusiven Lern- und Arbeitsort gab. Diese Anforderungen ergaben sich aus den Bedarfen der Beteiligten und der Zielgruppen und waren zunächst völlig losgelöst von Bauplänen, Brandschutzverordnungen, Datenschutzgesetzen oder anderen Restriktionen diskutiert worden. Erst als die Anforderungen gemeinsam festgelegt wurden, konnten diese anschließend so in Einklang mit geltenden Gesetzen und Regelungen gebracht werden. So ergab sich eine minimale Auswirkung auf die Wirksamkeit der Lösungsidee, bzw. der Anstoß zur Entwicklung einer solchen. Es ist demnach wichtig, alle Beteiligten einzubeziehen bevor überhaupt der Raum, das Modell, der Lösungsweg, oder die Finanzierung für eine Innovation steht und den Informationen künftiger Zielgruppen die lauteste Stimme zuzugestehen. So kann das bestmögliche Ergebnis erreicht und oftmals auch unnötige Arbeit vermieden werden. Denn schnell zeigt sich in der Arbeit, dass eine Idee an dem Ort, in der Art und Weise, nicht die Bedarfe der Zielgruppe trifft und weitere Planungsschritte der formalen Prozesse ohnehin zu keinem von der Zielgruppe gewünschten Angebot führt.

Labs sind Experimentierräume und bieten die Chance auf eine gesunde Fehlerkultur

Hendrik Epe:
Organisationskulturen können nur durch die Veränderung der Organisationsstruktur, der Organisationsstrategie und der Einstellung neuer Mitarbeiter*innen beeinflusst, jedoch nicht direkt gestaltet werden können.
Nur durch die Mitarbeiter*innen, durch Verhaltenssteuerung über Vorbildwirkung, durch vermehrte Sinnstiftung sowie durch das Durchbrechen von Routinen und sinnentleerte Rituale wird es möglich, eine Kultur zu schaffen, die innovationsorientiert ist.
Durch das Bereitstellen von „Experimentierräumen“ für innovationsorientierte Mitarbeiter*innen kann eine Kultur ermöglicht werden, die „Fehler“ als Möglichkeit und Chance organisationalen Lernens begreift – wobei Experimente im Sinne von „Versuchen“ nicht scheitern können.

PIKSL:
PIKSL Labore sind konkrete Beispiele für Experimentierräume für Mitarbeitende und Externe. Sie bieten außerhalb des Kerngeschäfts der Behindertenhilfe, sowohl für Klient*innen, als auch für Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, eigene kreative Impulse einzubringen, um daraus (digitale) Ideen zu realisieren. Dass Konzepte dabei verworfen werden oder auch in der oft zitierten „Schublade“ landen ist Bestandteil des gesamten, iterativen Arbeitsprozesses und ein wichtiger positiver Lernschritt, der dazu führt, dass das Handeln in den Laboren, vor dem Hintergrund der Partizipation aller Beteiligten, kontinuierlich hinterfragt wird und dass im Labor ein Wissensspeicher an innovativen Ideen entsteht, der für das gesamte Unternehmen genutzt werden kann. Wenn diese (digitalen) Ideen auf Unternehmensebene in neue Kontexte gebracht werden, können sie zur Verbesserung von Dienstleistungen und Arbeitsprozessen beitragen. Daher lautet das Credo in den PIKSL Laboren: Einfach machen und bitte nicht absichern! Der Experimentierraum ist freizuhalten von der Erstellung diverser Risikoanalysen oder des Einholens von Genehmigungen auf Entscheiderebene. Das PIKSL Labor Team bestärkt Klient*innen, Mitarbeiter*innen und Externe den Experimentierraum PIKSL Labor eigeninitiativ zu „bespielen“ und steht mit einem fachübergreifendes Netzwerk von Expert*innen beratend zur Seite.

Labs brauchen eine Finanzierung, die „Slack Resources“ und Anreize für innovationsorientierte Mitarbeiter*innen erlauben

Hendrik Epe:
Kurz zusammengefasst ist es relevant, dass soziale Organisationen Ressourcen für die Entwicklung erfolgreicher Innovationen bereitstellen müssen. Hier zeigt sich ein wesentliches Dilemma der Innovationsfähigkeit sozialwirtschaftlicher Organisationen: wenn Leistungsentgelte perfekt bemessen sind und in Forschungsprojekte nur die exakt angefallen Kosten abgerechnet werden, können strenggenommen nie „slack ressources“ anfallen. Jede Innovation, die Kosten erspart oder die Qualität über das politisch gewollte Maß hinaus ausbaut, führt theoretisch zu einer Senkung der Leitungsentgelte.
Neben dem Appell an die Kostenträger, hier verstärkt Spielräume zu ermöglichen, besteht ein Weg in diesem Zusammenhang im verstärkten Ausbau von Kooperationen zwischen sozialen und erwerbswirtschaftlichen Organisationen. Darüber hinaus sollten innovationsorientierten Mitarbeiter*innen Möglichkeiten eröffnet werden, die Umsetzung ihrer Ideen in einem geschützten Rahmen zu erproben. Konkret denkbar ist die Bildung intra- sowie interorganisationaler Netzwerke oder auch die Nutzung anderer Räumlichkeiten (bspw. Innovation Labs oder Co-Working Spaces).

PIKSL:
PIKSL sieht sich als offener und inklusiver Co-Working Space an dem intra- und interorganisationale Netzwerke zusammen kommen können und durch unsere PIKSL Expert*innen mit Behinderung zusätzliche Perspektiven erhalten können, die leider noch nicht in jeder Organisation eingebracht wird. Menschen mit Behinderung kennen Barrieren im Alltag aus erster Hand und sind die Kreativ-Experten im Abbau solcher Barrieren. Bisher ist diese innovative Arbeitsweise noch nicht mit den Leistungstypen der Kostenträger deckungsgleich, aber PIKSL arbeitet an der Brückenbildung in diesem Bereich.

PIKSL arbeitet projektbasiert auch mit Wirtschaftsunternehmen zusammen, um die Menschen mit Behinderung in direkten Kontakt mit der Arbeitswelt zu bringen, aber auch, um dort das Bewusstsein für den Vorteil von einfachen und barrierefreien Services und Produkten zu steigern. Durch solche Zusammenarbeiten kann das PIKSL Labor auch vor den eigentlichen Öffnungszeiten für unsere soziale Wirkung genutzt werden und PIKSL kann je nach Projekt auch Einnahmen generieren, die für „slack ressources“ sorgen.
PIKSL hat außerdem die SKala Initiative davon überzeugen können, dass eine Skalierung von PISKL in inhaltlicher und geographischer Hinsicht eine große soziale Wirkung erzielen kann und hierfür eine Spende erhalten. Diese Spende ermöglicht den Einsatz eines Skalierungs- und Entwicklungsteams und stellt abseits der tagtäglichen Arbeit eine „slack ressource“ für Innovation dar.

Quellenverzeichnis:

Grunwald, Klaus (2015): Lebensweltorientierte und organisationssoziologische Perspektiven auf Organisation(en) als Beitrag einer kritischen Sozialen Arbeit. In: Margret Dörr, Cornelia Füssen-häuser und Heidrun Schulze (Hg.): Biografie und Lebenswelt. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 53–68.
Kühl, Stefan; Muster, Judith (2016): Organisationen gestalten. Eine kurze organisationstheore-tisch informierte Handreichung. 1. Aufl. 2016. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Lotter, Wolf (2018): Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. [1. Auflage]. Hamburg: Edition Körber.
Schutkin, Andreas (2015): Das Geheimnis des Neuen: Wie Innovationen entstehen. Ein Plädoyer für mehr Abenteuer im Unternehmen. Aufl. 2015. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden

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